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Mehr Besuch       23.2.2007

Warten auf Hugo

Ein Monat, mehr schon, ist’s her, seit mich mein Cojollito verliess. Ich wartete am Flughafen, in der hohen modernen Halle mit dem blanken, glänzenden Fussboden, in der verwirrenderweise die Anzeigetafeln fehlen, darauf, dass er nochmals zurückkommen und den Flug am nächsten Tag nehmen würde, da die Maschine überbucht war. Umgeben von Nicafamilien (es braucht mindestens fünf Erwachsene und zwölf Kinder, um eine Person zu verabschieden) und einem Mennoniten-Clan las ich in der Spezialausgabe der „Prensa“ darüber, was ich am Vortag schon am Fernsehen mitverfolgt hatte. 

Es war der Tag nach Daniel Ortegas Amtseinsetzung, der „Toma de Posesión“. Auf der Titelseite der liberal ausgerichteten Zeitung prangte gross „Wende zum Populismus“ über einem Bild, auf dem Daniel umrahmt von seinen Präsidenten-Kollegen Hugo aus Venezuela und Evo aus Bolivien abgebildet war. Daniel schwang gerade eine Kopie des Schwertes von Simón Bolívar, das ihm Hugo Chávez mitgebracht hatte, über seinen Kopf. Das Bild war auf der Plaza de la Fe, wo Tausende von FSLN-Anhängern seit Stunden ihren neuen Präsidenten erwartet hatten, aufgenommen worden. In Karawanen waren Busse aus dem ganzen Land in die Hauptstadt gefahren, auch aus Goyena hatten sich die Leute auf den Weg gemacht. Der offizielle Teil hatte mit 90 Minuten Verspätung begonnen, da man auf Hugo gewartet hatte, der am gleichen Tag als wiedergewählter Präsident Venezuelas sein Amt neu angetreten hatte. Was für eine Ehre, dass er noch am gleichen Tag nach Managua flog! Mit einem flammend roten Hemd trat er auf, und man fragte sich, wer nun die Hauptperson war. Dass die Nicas eher informelle Menschen sind, was die Kleidung betrifft, konnte man auch an den übrigen Anwesenden erkennen. Ausser dem Prinz von Spanien und dem Präsidenten von Taiwan (Nicaragua ist eines der 21 Länder, das Taiwan als Staat anerkennt) trugen die Männer keine Krawatte, und Daniel wich auch an diesem Tag nicht von weissem Hemd und hochgekrempelten Ärmeln ab. 

Als ich sah, dass sich eine Delta-Maschine auf der Rollbahn startklar machte, brach ich auf. Wegen der Amtseinsetzung war immer noch viel Militär und Polizei auf den Strassen präsent. An der UCA erwischte ich den langsamsten Microbus Zentralamerikas. Knapp vier Wochen vorher war ich, meiner Vorfreude angepasst, geradezu nach Managua geflogen. Der Microbusfahrer hatte alles gegeben, das Gaspedal durchgedrückt und auf der aalglatten Panamericana jedem Bonzenwagen und jedem Laster den Kampf angesagt. Der Chauffeur hatte überholt, ausgeschert und wieder zwischen zwei Lastwagen zurückgedrängt, wenn auf der Gegenfahrbahn ein anderes Fahrzeug aufgetaucht war. Einige Mitfahrer hatten sich bekreuzigt, und ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie der Tanklaster, an dem wir vorbeigefahren waren, im Strassengraben gelandet war.

Wo Rum und Schnäpse fliessen 

Ich machte mich daran, die restliche Forschungszeit zu planen, angenehm unterbrochen von weiterem Besuch aus der Schweiz. Alexandra und Tom kamen von Costa Rica her angereist. Mit Alex habe ich über vier Jahre lang bei Pro Senectute gearbeitet. Das Wiedersehen musste natürlich sofort mit Toña und Flor de Caña begossen werden, und die beiden bestanden die Nicaragua-Initialisierung problemlos. Muy alegre! (Sehr fröhlich!) Auch Natalie hatte Besuch, und so versammelte sich ein- oder zweimal ein ansehnliches Grüppchen im Patio der Casona. Dies nicht nur zur Freude von unserer Vermieterin Francis, vor allem da sich unsere Gäste nach einem kurzen Aufenthalt in der Casona entschlossen, anderorts – eine oder zwei Preisklassen höher – zu logieren, aber nach ihrem Tagesprogramm gerne auf einen ausgedehnten Apero zu uns kamen. Da in León die Restaurants um 22h dicht machen – es herrschen keine spanischen Essenszeiten! – begnügten wir uns mehr als einmal mit Tortilla-Chips und Salsa oder Pommes Frites, die Tom irgendwo auftrieb. 

Eines der Highlights, die ich mit Alex und Tom erlebte, war der Besuch der Rumfabrik in Chichigalpa. „Flor de Caña“ gehört zweifellos zu den besten Rums der Welt – ist aber leider, leider in der Schweiz nicht erhältlich. Die Fabrik ist, wie die Zuckerrohrfabrik San Antonio und diverse andere Unternehmen inklusive einer Bank, im Besitz der Pellas-Familie, dem angeblich reichsten Clan ganz Zentralamerikas. Man kommt da nur mit Genehmigung hin. Diese  besorgte uns die Va-Pués-Touragantur und organisierte uns auch gleich den klimatisierten Privattransport. Es ist eines der vielen Rätsel in Nicaragua, dass lebende Menschen, sobald eine Klimaanlage vorhanden ist, auf Leichenschauhaustemperatur hinuntergekühlt werden müssen. Alex holte sich prompt einen zünftigen Schnupfen.

Natalie begleitete uns. Ganz richtig argumentierte sie, dass Ethnologinnen schliesslich wissen müssten, wie man die Rohstoffe, die um unsere Forschungsorte herum angebaut werden, weiterverarbeitet. Dies geschieht so: Aus der Zuckerrohrfabrik, die sich ebenfalls in Chichigalpa befindet, wird die Melasse, das Ausgangsprodukt für Zuckerrohrschnaps, angeliefert. In riesigen Behältern auf Plattformen, die man über schwindelerregende Wendeltreppchen erklimmt, wird die Melasse mit Wasser und Hefe bis zum Siedepunkt erhitzt. Der Dampf steigt in Rohre auf, und das abgekühlte Destillat fliesst in anderen Rohren wieder ab. Im Kontrollzimmer zapfte der Aufseher ein Glas davon für uns ab. „Aber nur daran riechen!“ warnte er uns. Wahrlich! Nur schon der Dunst des hochprozentigen Alkohols verätzte einem fast die Nasenschleimhäute! Marcela, zuständig für die Führungen auf dem Fabrikgelände, zeigte uns die Werkstatt, eigentlich nur ein grosses Dach auf Trägern, wo mindestens ein halbes Dutzend Männer die Fässer für die Lagerung ausbesserte. Hämmer sausten auf Holz und Metallringe nieder, Fässer wurden zur Seite gerollt. Das Destillat wird in sie abgefüllt und dann bis zu 18 Jahren gelagert. Die Holzfässer türmen sich in einer riesigen Lagerhalle, bis ihr Inhalt einer geheimen Behandlung unterzogen wird, die dem Rum seine honigbraune Farbe und seinen authentischen Geschmack verleiht. Danach muss der Alkohol nur noch in Flaschen abgefüllt werden. Dies geschieht in einer grossen, zum Teil offenen Halle. Wir staunten über die Abfüllanlagen, die sich über die halbe Halle hinweg erstrecken. An ihnen sitzen viele, viele Männer und Frauen in Kitteln, das Haar hygienisch unter Häubchen versteckt und mit Lärmschutz in den Ohren (oder nachlässig um den Hals baumelnd).  Sie kontrollieren, ob die leeren Flaschen sauber sind, rücken die Deckel in die richtige Position, bevor sie maschinell festgeschraubt werden und packen die Flaschen in Schachteln. Tagaus, tagein die gleichen monotonen Hand- und Augenbewegungen. Unsere besondere Beachtung fand die Abfüllanlage für Plastikflaschen. In der Fabrik wird nicht nur Prestige-Rum, sondern auch billigen „Guaro“, Schnaps, wie der „Caballito“ (Pferdchen) direkt ab Destillat, also ohne Lagerungszeit, hergestellt. Für diesen tun’s Plastikflaschen mit schlecht designter Etikette.  Die leeren Plastikflaschen schiessen von Luft angetrieben über ihre Bahnen und klatschen laut auf die Vorderflasche auf. Wie gebannt verfolgten wir das Schauspiel. Zum Abschluss, morgens um 11h, durften wir die verschiedenen Rum-Sorten degustieren. Der Limonen-Rum, ein Trendprodukt, fiel einhellig durch, ebenso der transparente Lite-Rum. Die braunen Wässerchen, so waren wir uns einig, sind je besser und je feiner im Geschmack (und umso teurer im Verkauf), desto länger sie gelagert werden. 

Schwarzer Mittwoch

Am Nachmittag des gleichen Tages fuhren wir nach Poneloya. Hungrig kehrten wir in einem Strandrestaurant auf der Las-Peñitas-Seite ein. Ich bestellte einen „Pargo Rojo“, einer der gängigen Fische, an leckerer Tomatensauce und erhielt ein riesiges Exemplar. Allerdings waren auch die Geräte entsprechend überdimensioniert und dazu nadelspitz. Prompt stach ich mir damit mehrmals in die Backe, bis ich mir zu guter Letzt eine Geräte in den Gaumen unter der Zunge stiess. Und da blieb sie stecken. Ratlos und mit offenem Mund, ohne die Zunge zu bewegen, versuchte ich meine Begleiter auf meine Misere aufmerksam zu machen. Dies klang etwa so wie in der berühmten Szene aus dem Film „When Harry met Sally“. Alexandra fingerte in meinem Mund herum, während es sie schüttelte vor Lachen, konnte mich aber von meiner Ungemach erlösen. Erst jetzt sah ich, dass von den anderen Tischen alle zu uns herüber starrten. 

Doch das war nur das erste von weiteren Malheuren. Nach einer Verdauungspause gingen wir baden. Tom konnte nicht genug davon kriegen, sich von den brechenden Wellen herumschleudern zu lassen, und ich tat es ihm eine Weile gleich. Mit dem Resultat, dass ich mir nicht nur Bikini, Ohren und Nasenlöchern, sondern gleich auch den Mund mit Sand füllte. Das Meer führte sich an diesem Tag noch wilder auf als sonst, die Flut schickte ihre Wasserzungen ungewöhnlich weit den Strand hinauf. Kaum hatten wir uns auf unseren Strandtüchern ausgestreckt, schwappte ein Ausläufer über unser Plätzchen. Wir packten, was wir packen konnten, hängten Kleider und Tücher an einer Mauer zum Trocknen auf, legten Bücher aus und ich brachte Kamera, Handy und Portemonnaie in meinem Rucksack seitlich der Mauer ausser Reichweite des Wassers – und des direkten Blickes – in Sicherheit. 

Nun, man kann sich denken, was nun kommt, und es kam natürlich, wie es kommen musste, an diesem Tag, da ich wegen des Besuchs in der Rumfabrik all meine Gerätschaften dabei hatte, inklusive den Memorystick und den Studentenausweis im Portemonnaie... Wenige Minuten, abgelenkt vom Sonnenuntergang, reichten, und mein Rucksack war verschwunden. Die Reaktion auf diese Entdeckung war zuerst einmal Unglauben. Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder. Die Stelle blieb leer. Alexandra und Tom verfolgten, nachdem sie sich mit eigenen Augen vom Diebstahl überzeugt hatten, einige Kinder, die sich in der Nähe herumgetrieben hatten. Doch den Rucksack entdeckten sie nicht, nur einen eingegipsten Arm unter einem T-Shirt. Natürlich ist es heikel, jemanden zu verdächtigen, nur weil er sich in der Nähe eines Diebstahls aufgehalten hat. Es war auch sehr wahrscheinlich, dass jemand von der Strasse her durch das Grundstück, das nur noch aus einer Ruine bestand, ungesehen herangeschlichen war und den Moment genutzt hatte. Wir packten unsere (restlichen) Sachen zusammen und liefen die Strasse entlang, in der schwachen Hoffnung, irgendwo einen roten Rucksack zu erspähen, doch die schnell einbrechende Dunkelheit machte dieses Unterfangen auch nicht leichter, und wir erkundigten uns schliesslich nach der Polizei. Ein Hotelaufseher rief den Dorfpolizisten an, und wenig später kam ein junger Mann in der blauen Uniform der „Policía nacional“ angeradelt, um sich auf einem winzigen Blöckchen meine Angaben zu notieren und am Ort des Verbrechens Spuren zu sichern. Letzteres bestand darin, durch die Ruine zu stolpern – inzwischen war’s stockdunkel – und sich den Strandabschnitt anzugucken, der nun fast komplett überflutet war.

Schon näherten sich die blinkenden Lichter des letzten Busses. Den Polizeirapport würde ich in León machen müssen. Ich fuhr noch am gleichen Abend zum Gelände der Polizeistation am Rande der Stadt hinaus. Ein Inspektor spannte das Formular, diverse zerknitterte Kohlenpapiere und weisse Blätter in seine mechanische Schreibmaschine ein. Ich sass ihm gegenüber, getrennt von einem Miniaturpult, und während er tippte, verfolgte ich im nächsten „Büro“, das nur mit einer brusthohen Wand abgetrennt und ebenfalls etwa vier Quadratmeter gross war, wie ein Polizist mit drei Jugendlichen argumentierte. Als der Inspektor fertig war, stellte er die Maschine auf deren Längsseite, so dass er Platz hatte, um das Formular zu stempeln und zu unterschreiben. Nachdem ich unterschrieben hatte und er mir das Original ausgehändigt hatte, legte er die Durchschläge auf einem grossen Papierstapel ab. Ich versicherte ihm beim Abschied, dass ich auch trotz Diebstahl-Versicherung an polizeilichen Investigationen interessiert sei. Während ich auf ein Taxi wartete, unterhielt sich der Torwächter mit mir. Der junge Mann erkundigte sich, ob ich an einem sicheren Ort wohne, und bot mir an, ich könnte auch bei ihm – und seiner Familie – wohnen, da sei es bestimmt sicherer. – Oh ja, das hatte mir gerade noch gefehlt zu meinem Glück!

Es war spät geworden, und Tom bot sich einmal mehr an, Pommes Frites zu organisieren. Dabei hatte er eine zum Tag passende Begegnung, die für viel Heiterkeit sorgen sollte, aber er hat mir leider verboten, sie an dieser Stelle zu kolportieren...

Meine Sachen sind natürlich bis zum heutigen Tag nicht wieder aufgetaucht. Nun, es gibt schlimmeres; ausser dem vollen Film ist alles ersetzbar. Andere Menschen besitzen ihr ganzes Leben nicht so viel, oder alles, was sie besassen, wurde ihnen zerstört und weggeschwemmt. Betten, Stühle, Radio, Kleider, Tiere, Werkzeug, die Ernte, Fotos, Erinnerungsstücke. Und dass in einem armen Land wie Nicaragua, Gelegenheit noch mehr Diebe macht als anderswo, ist nicht weiter erstaunlich. Tom und Alex überliessen mir ihren Fotoapparat, als sie abreisten, mein Hightech-Aufnahmegerät dient mir auch als Memorystick, und ein neues Handy kostete nur 25$. Ich hatte mir überlegt, ob es sich für zwei Monate überhaupt lohnt, nochmals ein Handy mit Nica-Nummer anzuschaffen. Doch es erleichtert mir das Leben und die Forschungsorganisation. Es ist erstaunlich, wie sich das Handy auch in Nicaragua – wahrscheinlich gleich wie in Kirgisien, auf Borneo, im Himalaya oder in Malawi – durchgesetzt hat. Viele haben das Festnetzzeitalter übersprungen, und ihr erstes Telefon im Leben ist ein Handy.

Und was macht die Forschung? 

Gute Frage! Statt darüber zu schreiben, widme ich mich ihr lieber sofort. Ich lasse euch bei nächster Gelegenheit mehr darüber wissen. 


 

going native - die sicht des cojollito
oder
the rum diary (andré m. gstettenhofer, nicht hunter s. thompson)      18.01.07

16.12. – 18.12.06 / ankunft, wiedersehen und granada

über den flug nach atlanta am samstag schweige ich mich aus, über die hotelnacht im niemandsland zwischen atlanta-city und flughafen auch, genauso wie darüber, dass in den usa kein transit und auch kein vorabend-check-in existiert. fliegen ist ein notwendiges übel, und  es hilft nicht, zu wissen, man ist im schnellstmöglichen verkehrsmittel, wenn man vor vorfreude fast platzt und zugleich sehr müde ist. am sonntag mittag endlich ankunft; managua hat einen erstaunlich kleinen, aber sehr modernen, sauberen und kühlen flughafen, schnell bin ich in der gepäcksausgabehalle und sehe auch schon: esther! um die wiedersehensfreude zu beschreiben, verfüge ich über zu wenig poetisches talent, aber ihr dürft mir glauben, dass sie riesig ist: die leute um uns herum starren uns unverwandt an (was die nicas übrigens gerne und oft tun). esthers begrüssungsgeschenk, ein nica-starterkit für mich, ist toll und enthält alles, was es für den zu errichtenden nicaragua-schrein zu hause bei uns benötigt. wir fahren, nachdem wir uns voneinander lösen können, sofort nach granada – einem sehr hübschen kolonialstädtchen, welches einem in jedem reiseführer als idealer einstieg für nicaragua empfohlen wird. weil es sich schön herausgeputzt präsentiert und auch das preisgefälle zu europa noch nicht so gross ist, sprich granada ist für nica-verhältnisse eher teuer. residenz beziehen wir in der casa san
martin, einem sehr zu empfehlenden hotel im kolonialstil, mit rattanschaukelstühlen im tropischen patio, klimatisierten zimmern mit grossen ventilatoren an der decke und leckerem fruchtfrühstück. ausser im sehr chaotischen, schmutzigen markt, der einem schnell dazu bringen könnte, nie wieder fleisch oder fisch zu essen, ist der erste kulturschock gering. überall die hier typischen einstöckigen häuser, die meisten mit patio, und viele leute sitzen abends bei offener tür draussen auf der strasse. so bekomme ich einblick in zahlreiche nicaraguanische wohnzimmer, privatsphäre ist hier ein eher unbekanntes konzept. das essen ist lecker, der schnaps (man kann ein land immer nach der qualität des beliebtesten schnapses einordnen), bzw. hier der rum, ist ausgezeichnet und heisst flor de caña. wir bleiben eineinhalb tage, fahren kutsche, besichtigen forts, kirchen etc. und dann wars das auch schon fürs erste mit nicaragua.

19.12. – 21.12.06 / costa rica, playa del coco und all-inclusive

wir fahren im tica-bus nach costa rica, genauer nach liberia, und dann weiter an die playa del coco (ich weiss, klingt etwas debil). sehr hübscher ort, wir werden im hotel ‚pato loco' (crazy duck) (ja – ebenfalls ein leicht debiler name) überschwenglich von mary ramona begrüsst. mary ramona ist eine etwa fünfzigjährige, ausgewanderte us-hippie-frau, dünn wie ein zündholz und eher ledrig als braungebrannt. sie offeriert uns ein bier, was uns fürs erste wieder besänftigt. playa del coco ist ein touristischer, aber nicht hässlicher ort, die beach recht nett und genau richtig, um zwei tage gar nix zu tun. und eigentlich fahren wir sowieso nur über die grenze,
weil esther ein neues 90-tage-touri-visum benötigt. am zweiten tag, wir baden an der playa hermosa, überkommt uns plötzlich die lust auf ein bier, aber eine beiz zu finden ist nicht einfach, da es hier nur resorts und ferienwohnungssiedlungen à la USA (gated communities)
gibt. wir finden dann trotzdem eine hübsche terrasse auf einer anhöhe, die aussieht wie ein restaurant. setzen uns hin, wollen bestellen. da fragt uns der bartender „where are your drink tickets?". wir haben keinen blassen schimmer, was er meint. dann fragt er „where are your
all-inclusive wrist-bands?". nun verstehen wir, sagen, dass wir nur was trinken wollen, was der sehr nette barman mit einem „wait a moment" kommentiert. plötzlich verfügen wir über ein kapital von vier drink-tickets, was zwei kostenlosen daiquiris und zwei kostenlosen caipirinhas entspricht. als wir gehen, fragt er uns, ob wir nochmals was trinken wollen. wir verneinen, geben aber grosszügig trinkgeld... übrigens sind zwei stunden in einem all-inclusive-resort ein
faszinierendes soziologisches forschungsrevier. die us-familie neben uns, an der bar, auf jeden fall macht einen recht disfunktionalen eindruck, vor allem der etwa 17jährige, picklige sohn, der sehr winterlich mit army-mütze, army-hemd, schwarzen jeans und schweren schuhen dasitzt und kein wort sagt. seine mutter erklärt einem anderen, eher schleimigen us-amerikaner, dass der sohn seinem bruder nacheifert (bereits in der army) und kaum warten kann, bis er 18 ist. der schleimer textet die familie regelrecht mit seinen army-erlebnissen, religiösen eingeständnissen und seinen unglücklichen frauengeschichten zu. so lange, bis mutter und vater sich offensichtlich angewidert abwenden, in die andere richtung starren und sich anschweigen. der sohn muss nun die ganze portion elend über sich ergehen lassen, und sagt immer noch nichts.

22.12.06 / liberia-leon in 13 stunden

am nächsten morgen stehen wir früh auf, uns steht der weg nach leon bevor, per bus und mit weihnachtsgrenzvekehr am sehr kleinen grenzposten zwischen nicaragua und costa rica. der erste bus nach liberia hält nicht, was wir als frontalen angriff auf unsere personen missverstehen (er ist einfach schon rappelvoll, wie wir später rausfinden). ein älteres amerikanisches pärchen im range rover hat erbarmen mit uns, und fährt uns wenigstens an die erste grosse strasse nach liberia, von wo aus wir schnell ans busterminal gelangen. dann an
die grenze, ausreise geht schnell und speditiv. auf der nica-seite allerdings stehen wir schlange. an der sonne. geschwindigkeit: ca. 5m pro stunde. unsere hoffnung, es heute nach leon zu schaffen, schmilzt in der hitze dahin. bis ich einerseits merke, dass die leute hier so gleichmütig sind, dass sie auch vordrängeln nicht stören würde und wir zweitens rausfinden, dass wir bei der 'salida' (ausreise) angestanden sind, und nicht bei der 'entrada'. danach gehts schnell, wir entdecken einen bus an der grenze, der direkt nach leon fährt. wir haben zwar keine offiziellen sitzplätze im bus, und es dauert nochmals fünf stunden, aber verschiedene leute bieten uns kekse an und sprechen mit uns. um  22.00h endlich in leon, wir treffen esthers ethno-gschpänli
natalie und gehen was essen. selten hat ein kaltes bier so gut geschmeckt...

23.12.-24.12.06 / weihnachten in esthers forschungsdorf goyena, oder: papp-puppen hauen

nach der ersten nacht in esthers homebase, dem hostal mi casona, in einem eher winzigen, eher nicht meinen - bescheidenen, anpassungsfähigen - hygienestandards entsprechenden zimmer nehmen wir den bus nach goyena. natalie begleitet uns. an der bushaltestelle gesellt sich ein etwa zehnjähriges einheimisches mädchen, das Wasser verkauft, zu unserer runde, und starrt mich erst mal 20 sekunden unverwandt an, ohne etwas zu sagen. dann fragt sie, ob wir nicht nach poneloya (die beach und die einzige touristen-destination, die man vom "mercadito" aus anfährt) wollen. als wir verneinen, scheint sie völlig irritiert, bleibt aber bei uns stehen, als gehöre sie zu unserer gruppe. busfahren in nicaragua ist übrigens unglaublich cool - sie haben wohl das ganze kontingent alter us-schulbusse gratis oder sehr günstig bekommen (die gelben, kennt ihr aus 70er-jahre filmen), diese mit vielen stickers (tweety etc.) verziert und meist mit grossen disco-boxen versehen, aus denen sehr laut entweder latino-schnulzen oder reggeaton (eine art dancehall, ragga, sehr beliebt hier) dröhnt. man sitzt sehr nah, es ist laut und lustig, immer wieder laufen leute durch den bus, die essen verkaufen. sozusagen railbar im nica-style. und es kann sein, dass einen das (lebende) huhn unter dem sitz der vorderfrau in die zehen pickt, wenn man nur flip flops trägt. auch hat der chauffeur immer mindestens einen assistenten, der geld eintreibt, sachen ein- und auslädt und zum rechten schaut. ja, ja, ich alter busfahrhasser habe mich gewandelt und liebe es inzwischen heiss. der empfang bei maria eugenia, esthers gastmutter, ist sehr herzlich, sie waren sehr gespannt auf mich und ich werde dementsprechend empfangen. dass ich gleich heisse wie ihr mann, zumindest ausgesprochen (andres = andre) hilft wohl auch. esther zeigt uns die ganze siedlung, erklärt uns alles und führt uns in der mittagshitze spazieren. danach hängen wir rum, sprechen mit leuten und warten vor allem auf die piñata, das grossereigniss für die kinder. ihr wisst schon: mit baseball-bats auf papp-puppen eindreschen, bis sie aufplatzen und es süssigkeiten regnet... dazu dröhnt aus einer grossen anlage wiederum laut musik, und es gibt essen. oder so was ähnliches. gebratene schweinehaut (chicharon), yucca (kartoffelähnlich, aber eher gummig und vor allem ungewürzt), krautsalat und chicha, ein superpinkfarbenes, supersüsses getränk aus mais. na ja, das chicharon habe ich nur unter würgen gegessen und gehört sicher zum übelsten, was ich je verspiesen habe – denn der schweinegeschmack ist höchst penetrant. und auch die chicha möchte ich freiwillig nicht nochmals probieren. aber es ist ein festessen und wir als gäste bekommen die ersten portionen... (es sei bemerkt, dass wir sonst bei maria eugenia gut gespiesen haben). die kinder haben eine gaudi, alle sind zufrieden. und um neun gehen wir alle schlafen. maria eugenia und ihr mann leben noch mit drei töchtern (von insgesamt neun kindern) in einem nach mitch vom HEKS finanzierten haus, von etwa 6 x 7m grundfläche. das haus ist gemauert, hat vorne zwei türen und hinten eine, je zwei fenster (bwz. öffnungen) an der seite. zwei „zimmer" sind abgetrennt mit einer art selbstgebauten paravent, die ganze
einrichtung besteht aus fünf plastikstühlen, einem tisch, einem tischchen mit fernseher und drei betten. die leute sind sehr arm, allerdings nicht ganz auf der untersten stufe. andres arbeitet recht regelmässig als tagelöhner auf dem feld, sie haben knapp genug zu essen, aber das wars dann auch schon. während dem 24stündigen aufenthalt merke ich den leuten nicht an, dass sie „arm" sind. denn wie hat jemand gesagt: die grösste armut ist im kopf. und maria eugenia und ihre familie sind in dieser hinsicht reich.

25.12.-26.12.06 / weihnachten in leon, oder: ein weihnachtsmann bei 35 grad im schatten

die nächsten tage verbringen wir in leon, mit etwas shopping (nica-jeans und t-shirts – die ersten schritte zum going native, ihr lieben ethnologInnen...), stadtbummel und aufsaugen der
weihnachtsstimmung. wir gehen am 24. nach dem dinner in die kathedrale, aber die messe ist schon vorbei und die leute stehen nur noch schlange, um einer hölzernen jesuskind-puppe die füsse zu küssen. am weihnachtstag sind auf dem parque central kulissen aufgebaut, welche schneeberge zeigen und rentiere mit schlitten am himmel vorbeirauschend. dies mutet sehr us-amerikanisch an. ein klassischer, lebender santa sitzt in voller montur im park vor einer kulisse und lässt sich mit kindern auf dem schoss fotografieren. daneben stände mit vielem bunten plastikzeug, früchteverkäufer und einheimische wie touristen in sommerlicher kleidung: ich mag weihnachten in leon...

27.-28.12.06 / der tanz auf dem vulkan

in der nähe von leon befinden sich zahlreiche vulkane, darunter der telica, den wir in einer zweitagestour mit quetzaltrekkers besteigen. (quetzaltrekkers macht solche touren mit unbezahlten, jungen guides, wobei der ganze profit den strassenkindern in leon zu gute kommt – mal eine sinnvolle art von tourismus). eigentlich mag ich solche „gruppenausflüge" nicht, aber obwohl unsere gruppe mit 12 personen sehr gross ist, treffen wir es nicht schlecht. da wären vier jungs, die seit einem monat zusammen reisen und die, trotz flausen im kopf und jugendlichem leichtsinn, doch eher sympathisch sind – sie stammen aus polen, england, holland und der schweiz... das russische (nicht-)pärchen, welches auch in der casona übernachtet und etwas verschroben (er) und tolpatschig (sie) ist, eine us-russin, ein dänischer lehrer, die zwei guides etc. - alles in allem recht lustig. und nach vierstündigem aufstieg ist dann der blick in den krater überwältigend. bei ca. 120m tiefe traut sich niemand auf zwei beinen an den kraterrand – wir robben oder kriechen hin. werfen, wie kleine kinder, steine in den krater und filmen und fotografieren, was das zeug hält. unvorstellbar, dass bei uns ein solcher krater ohne
jegliche sicherheitsvorkehrungen oder -zäune, einfach so, zu besichtigen wäre. ach ja, telica ist immer noch aktiv, 2000 zum letzten mal ausgebrochen und bei der nächtlichen inspektion sehen wir im krater glühende lava brodeln... gemäss dem guide seien zwar bisher einige handys, kameras und ipods in den krater gefallen, aber nie ein tourist. der einheimische jäger, der nachts beim vulkan auftaucht, meint dann allerdings, dass doch mal ein tourist reingeplumpst sei, ohne dies aber konkretisieren zu können. abendessen besteht aus kalter pasta mit kalter tomatensauce, nacht im zelt, sonnenaufgang am kraterrand, dann abstieg.

29.12.06 / im disco&chicken-bus an die beach

wir fahren nach poneloya, leons haus-beach sozusagen (von esther schon beschrieben). fahrt im disco/chicken-bus. wir drehen, auch zum vergnügen der anderen insassen, ein karaoke-video zu bus-musik. esther ist sehr überzeugend als schnulzensängerin. seeeehr netter strand.
abends bei der rückfahrt dann noch mehr disco im bus. sprich – noch lauter.

30.12.06 – 2.1.07 / nebelwald, pain in the ass und silvester mit reichen nicas

der nächste morgen bringt wieder eine busfahrt, diesmal in die „berge" nicaraguas, in die kaffeehauptstadt matagalpa – die an sich nicht besonders sehenswert ist. unser ziel heisst selva negra (übersetzt soviel wie schwarzwald): ein riesiges naturreservat, welches in den
siebziger-jahren von eddy und mausi kühl (taufname – nachfahren von deutschen einwanderern) gekauft und aufgemotzt wurde, unter anderem mit einem hübschen hotel und terrassen-restaurant am weiher. wir merken schnell, dass dies ein refugium für reiche stadt-nicas (managua, leon) ist und nur wenige ausländische touristen da sind. einziger nachteil: alles schliesst um 21 uhr, es gibt auch keine hotelbar... die wälder sind überwältigend, der ewige nebel auch. unglaublich üppig und intensivst grün. unternehmungslust lässt uns am morgen des 31.12. zwei pferde und einen guide mieten. aber das gewackel oben auf dem gaul, der harte sattel und das gefühl, keine kontrolle über mein „gefährt" zu haben, das ist gar nicht mein ding.
ich bin sehr froh, als die stunde um ist. und mein hintern sollte mich noch eine woche später an dieses „abenteuer" erinnern. silvester verbringen wir beim hoteleigenen event, für 20 dolares pro person. um 21.00 uhr gibts boccadillos, richtiges essen erst nach mitternacht. und was macht man in der zwischenzeit? richtig, sich gepflegt unterhalten und dabei sich gepflegt mit flor de caña einen ansaufen. um mitternacht sind auch wir auf dem lärm- und lustigkeitsniveau der
nicas, die kakophonie der trillerpfeiffen ist erstaunlich. selbstverständlich nützen wir die zur verfügung gestellten silvesterbrillen, -hütchen etc. rege. auch tanzen wir zur musik der
eher medioker talentierten unterhaltungsband – alles egal, wir haben viel spass und lachen uns ins neue jahr. kann ja kein schlechter anfang sein. neujahr ruhig, spazieren gehen, siesta, abendessen. und am 2.1. bereits wieder abreise, diesmal gen süden zum flughafen managua, und dann per propellerkleinflugzeug an die karibikküste, nach bluefields.

3.1. – 4.1.07 / bluefields – pearl harbour ist unser waterloo

nach dem originellen check-in für la costeña (inlandfluggesellschaft), bei dem wir samt handgepäck selbst auf die wage stehen müssen und zwei schreiend gelbe plastiktafeln erhalten, die die boardingpässe darstellen sollen, gehts schnell und unkompliziert los. das fliegen ist spannender, aber auch nicht so stabil wie in einem grossen düsenjet. d.h. es geht munter rauf und runter. esther fotografiert wie wild aus dem fenster und erhascht einige grossartige motive – doch das ständige  durch-den-sucher gucken fordert seinen preis, gegen ende des fluges ist ihr nicht mehr ganz so wohl. hat sich fotografisch aber sehr gelohnt (und kunst muss leiden). bluefields dann, ist wie erwartet, ein anderer planet. das karibische sticht stark heraus, die
stadt ist nicht uncharmant, aber chaotischer, schmutziger und wohl auch unsicherer als die städte im pazifikbecken. eigentlich stoppen wir in bluefields nur, weil wir in die pearl lagoon fahren wollen, ein kleines städtchen und eine lagune, von welcher aus man per schiff touren in die mangroven unternehmen kann (und vielleicht mal ein paar exotische tiere sehen). als wir dann tatsächlich am nächsten morgen in pearl lagoon ankommen (per schnellboot mit 2x 200ps-aussenborder, d.h. verdammt schnell!), stellt sich heraus, dass a) die touren-verantwortliche nicht da ist und deshalb nix läuft und b) dass das letzte schiff bereits wieder um 13.00 uhr zurückfährt. na ja, wir lassen uns von einem lokalen guide etwas herumführen, aber viel interessantes gibt es nicht zu sehen. als wir um 12.30 uhr am hafen sind, meint die sehr entspannte dame der schifffahrtsgesellschaft, ah, ja, das letzte boot sei jetzt halt bereits um 11.30 uhr gefahren, heute laufe nichts mehr. dabei lächelt sie blöd und zuckt die schultern. was meine (und auch esthers) entspanntheit auf eine harte probe stellt (wir haben nur geld für einen tagesausflug dabei und am nächsten morgen früh bereits den flug auf die corn islands...). die option, ein boot für uns zu chartern, würde mucho mucho dolares kosten und schlägt dann, trotz leichtsinnigem vertrauen unsererseits, mangels verfügbarem benzin fehl. nach einigem hin und her, viel aufregung und um uns besorgten leuten (in der karibik regt man sich nicht auf, nie, auch nicht als tourist und mit jedem recht der welt – merkt euch das!) bleiben wir halt wohl oder übel über nacht (ohne saubere kleider und zahnbürsteli) und nehmen uns ein tropenzimmer in einem hübschen b&b. trotzdem, pearl lagoon heisst ab jetzt für mich nur noch pearl harbour. das boot am nächsten morgen um 6.00 uhr fährt dann pünktlich, trotzdem schaffen wirs nicht mehr auf den 8.00 uhr flug. egal, shopping in bluefields, und dann halt am nachmittag endlich nach big corn.

(und hier noch eine randbemerkung für künftige nicaragua-reisende: nicaraguanische hotelzimmer haben eine eigenheit. es gibt sehr wenige davon, bei denen zimmer und bad/wc mit einer richtigen, von decke bis boden reichenden, schliessenden tür getrennt sind. das ist auch in den teureren etablissements öfter der fall. manchmal gibt es duschvorhänge als abtrennung, manchmal klassische saloon-schwingtüren, die von den schultern bis zu den knien reichen und manchmal hat es auch gar nichts. tja, man arrangiert sich („gehst du bitte mal kurz aus dem
zimmer, schatz?"), aber es kann  mühsam werden. zum glück nur haben weder esther noch ich montezumas rache zu spüren bekommen...)

4.1.- 7.1.07 / big corn und little corn island – schnorchel, religiöse taxifahrer und disco

endlich mal auf einer karibik-insel. trotz aller tipps, dass die kleine insel schöner sei, entscheiden wir uns für die grössere, vor allem wegen ausgangs- und essenmöglichkeiten. und wir erwischen wohl das beste hotel (martha's bed & breakfast, unbedingt empfehlenswert, 40 dolares pro nacht) mit dem besten strand der insel gleich vor der tür. herrlich. rumhängen. baden. lesen. nichts tun. schlemmen. herrlich. ein disco-besuch darf natürlich auch nicht fehlen – wir sind die einzigen gäste in einer recht grossen halle, dem „reggae palace", die musik ist LAAAAUUUUUTTT!!! aber schlecht, und nach einer viertelstunde haben wirs gesehen. da uns beiden ein fauler tag völlig reicht, buchen wir für den nächsten tag gleich einen schnorchel-ausflug zu den riffs der kleineren insel. wiederum mit einem schnellboot, auf offener see durch ziemlich hohe wellen, bewegt sich unser fideles ausflugsgrüppchen gen little corn. dabei sind ein älteres us-paar, eine schwedisch-nicaraguanische familie (ma, pa und zwei kinder) und wir. sowie chema, der jefe und kapitän, der mit seinem dreckigen lachen und dem bart jack sparrow ziemlich jämmerlich aussehen lässt. die mama der familie, eine nicaraguanerin, die jetzt 1000km nördlich von stockholm lebt, tut uns sofort leid. ich meine, eine nica in der ewigen dunkelheit und kälte? sie bemerkt denn auch diplomatisch, ihr leben sei ein poco triste dort. der ausflug ist auf jeden fall sehr nett, auch wenn schnorcheln schon wieder was ist, was ich kein zweites mal tun werde. ich mag, wie ich rausfinde, keine taucherbrillen im gesicht und keinen schnorchel im mund. dann schon lieber sonnenbaden im boot, während esther fleissig und ausdauernd
schnorchelt. der us-amerikaner teilt meine meinung: unterwasserwelten schauen wir uns lieber im tv an. tags darauf dann wieder karibisches nichtstun, fahrt mit einem religösen taxifahrer mit zwei unehelichen kindern, einem durch gefundenes kokain finanzierten auto und vielen guten tipps für unseren künftigen lebensweg, sowie verschiedene fehlschlagende zahlungsversuche für den schnorcheltrip bei der tauchbasis: bargeld haben wir zu wenig, esthers mastercard akzeptieren sie nicht, meine visa scheint gesperrt zu sein. was tun? schweizer lösung wäre: teller (in diesem fall: taucherbrillen) waschen! nicaraguanische lösung ist: die tauchbasis in freundlichem einvernehmen einfach so verlassen, ohne dass sie adresse, geld oder irgendwas von uns haben, ausser dem versprechen, das geld zu überweisen! chapeau vor so viel vertrauen. als gute schweizer überweisen wir das geld dann auch gleich am nächsten tag aus leon.

8.1. – 11.1.07 / zurück nach leon und goyena, letzte stunden und abschied

esther und ich haben bis jetzt eine wahnsinnszeit zusammen verbracht. jetzt, bei der rückkehr nach leon, wird mir (bzw. uns) bewusst, dass es die letzten drei tage sind. dieser gedanke will bekämpft sein, muss verdrängt werden. am dienstag, 9.1. fahren wir nochmals einen tag nach goyena, weil maria eugenia uns nochmal sehen wollte und ich mich verabschieden will. bei dieser gelegenheit besuchen wir auch umberto, den vater einer befreundeten familie, der eine kleine finca besitzt. zur feier des tages wollen sie für uns ein schaf schlachten – und ich schaue dabei zu. sollte einem als fleischesser ja nichts ausmachen, und macht es mir auch nicht. ich habe kein mitleid mit dem tier, empfinde es nicht als „gruusig" und mache interessiert ein paar fotos. später brät maria eugenia dann das fleisch für uns – und es ist sehr lecker, frischere ware bekommt man wohl nirgends. ich verabschiede mich von maria eugenia, mit dem versprechen, ihr auch noch ein familienfoto mit meinen eltern und meinem bruder zu schicken, welches sie im haus neben dem foto von esthers familie aufhängen will. danach siesta in leon, am letzten tag besichtigung des bunten guadeloupe-friedhofs, leckeres mittagessen in esthers liebstem comedor, eine rasur im barber-shop, kaffee im convento de san francisco, dem teuersten hotel von leon (sehr elegant, 95 dolares pro zimmer/nacht), siesta, und die amtseinsetzung von daniel ortega im fernsehen. ich verstehe nicht viel, aber die unfreiwillige komik der veranstaltung, die pannen bei der rede von ortegas frau (typ: yoko ono) und das populistische charisma von hugo chavez faszinieren auch mich. trotzdem, irgendwann will ich dann essen gehen. auf dem weg ins restaurant werden wir in einen patio eingeladen, um dort den geheiligten worten des propheten daniel zuzuhören. wir haben es hier mit einem sehr rührenden, älteren und redseligen hardcore-sandinisten zu tun, der viel freude an unserem interesse zeigt und uns mit ortega-postern eindeckt. das wars dann fast schon – am nächsten morgen früh raus, nach managua auf den flughafen und der unvermeidliche, schwere abschied von esther.




Estelí, Fortbildung und weitere Festlichkeiten   16.12.06 

Mein Alltag bestand in letzter Zeit vor allem aus Zusammenfassung-Schreiben, Fragebogen-Vorbereiten und kürzeren Besuchen in Goyena. Im Folgenden picke ich deshalb nur ein paar Highlights der letzten beiden Wochen heraus.  

Gipfel-Treffen der Ethnologinnen 

Eines schönen Wochenendes fuhren Natalie und ich nach Estelí, um Bea einen Besuch abzustatten. Auf dem chaotischen Busbahnhof von León, dem ein Markt, vollgestopft mit Ständen, angeschlossen ist, behinderte uns das Schweizerin-Sein wieder mal besonders stark: Die Nicas hatten keine Mühe, ihren Abfall fallen zu lassen, wo sie gerade standen – es wurde ja eh gewischt –, während wir mit unseren Bananenschalen in den Händen wie fehl am Platz herumstanden und uns krampfhaft, aber erfolglos nach einem Mülleimer umsahen.  

Den Bus nach Estelí hatten wir gerade verpasst, hiess es. Wir wurden in einen Minibus gesetzt, und der Chauffeur fuhr sofort los. Ausser uns gab’s keine Fahrgäste. Ich rief Bea an, um ihr mitzuteilen, dass wir nun entweder losgefahren waren oder gerade entführt wurden. Es stellte sich dann heraus, dass der Minibus-Fahrer den Linienbus extra für uns einholen wollte, aber der war dem Firmenmotte gemäass – Service, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit – mit seinen Passagieren über alle Berge, um den bezahlten Service ehrlich und in der versprochenen Zeit zu erbringen.  

So ging es halt eine Stunde später los. Wir fuhren zwischen den Vulkanen durch und querten eine Ebene, über die in der Ferne der Wind eine Staubwolke vor sich herrollte. Die Landschaft wurde zunehmend hügliger, wir steuerten ein Ziel auf 800 Metern Höhe an. 800 m sind zwar nicht wirklich hoch, aber die Temperaturen schwanken auf dieser Höhe zwischen Tag und Nacht schon viel stärker als in der Pazifikebene. Bea schläft in gewissen Nächten gerne mit mehreren Decken, denn Heizungen kennt man hier nur dem Namen nach. Angesichts solcher Schauergeschichten hatte ich meine langärmlige Unterwäsche, die seit zwei Monaten sinnlos herumlag, eingepackt. 

Nach rund drei Stunden erreichten wir die Zigarren-Stadt im Nordwesten des Landes, wo die Männer breitkrempige Hüte und Cowboystiefel tragen und einem der Wind die Kehle austrocknet. Diese nässten wir beim Wiedersehensapéro mit Bea vorbeugend gleich mal mit Flor de Caña.  

Am nächsten Morgen brachen wir gemütlich Richtung Tisey-Naturreservat auf. Wandern! Den Drang nach Bewegung in freier Natur konnte jedoch wieder mal kein Einheimischer nachvollziehen. Die Sonntagsausflügler boten uns hilfsbereit Mitfahrgelegenheiten auf ihren Pick-ups an, die wir alle dankend ablehnten. Bei der Abzweigung zum schönsten leicht zugänglichen Wasserfall Nicaraguas, dem „Salto de Estanzuela“, wollten uns Kinder je 20 Córdobas abknöpfen. Dass es nicht falsch gewesen war, ihre Forderungen zu ignorieren, bestätigte sich, als wir die Kinder wenig später laut hinter uns herkichern hörten.  

Nachdem wir stetig auf dem Kieselsträsschen bergauf gewandert waren, ging es nun steil bergab. Auf halbem Weg zum Wasserfall steckte ein Auto fest. Natalie zögerte nicht lange, spuckte – bildlich gesprochen – in die Hände und forderte Bea und mich zum Schieben auf. Wenig später hatten wir den wahrscheinlich schlechtesten Autorfahrer der westlichen Hemisphäre, einen kanadischen Blindenhundetrainer, aus seiner misslichen Lage befreit. Was für Muskelmaschinen sind wir Ethnologinnen doch!  

Das letzte Stück bis kurz vor dem Aussichtspunkt auf fast 1500 m Höhe fuhren wir im Bus mit, der den Berg heraufgekeucht kam. Die Vegetation hatte sich verändert: Besonders auffällig waren die Kaffeestauden und die Nadelbäume, denen die ständige Feuchtigkeit Moosbärte umgehängt hatte. Auf dem höchsten Punkt der Umgebung angelangt bekamen wir die Feuchtigkeit auch zu spüren: Es setzte eine „Brisa“ ein, ein hauchfeiner Sprühregen. Der Wind griff in unsere Kleider, und wir klappten unsere Kapuzen hoch. Die zwei langärmligen Schichten auf dem Oberkörper fühlten sich nach zwei Monaten kurzärmligen Daseins eigenartig an. Mit der Brisa waren Wolken aufgezogen, die den Weitblick versperrten; im Normalfall sähe man Estelí und die Maribios-Vulkane.  

Nach einer Stärkung mit typischem süss-salzigem Gebäck im Restaurant machten wir uns bald auf den Rückweg, denn es war schon spät. Die Distanz bis zur Hauptstrasse war zu Fuss nicht vor Anbruch der Dunkelheit zu schaffen, aber wir zählten auf Mitfahrangebote. Wir täuschten uns nicht. Auf der Ladefläche eines Pick-ups brausten wir durch die abwechslungsreiche Hügellandschaft, während uns ein Salvadorianer, der in der Gegend an einem Austausch teilgenommen hatte, eloquent und gescheit über die Lage seiner Nation informierte. So wissen wir nun, dass El Salvador hauptsächlich vom Geldstrom lebt, den die salvadoranischen Migranten von den USA aus speisen, und dass das Land zu einem Konsumland verkommt, das selber kaum etwas produziert.  

Längst war der letzte Bus zurück nach León abgefahren, und wir übernachteten nochmals in Estelí. Am nächsten Tag standen Natalie und ich um 4.00h auf, um den Bus um 5.00h zu nehmen und unseren ethnologischen Verpflichtungen wieder nachzukommen. Die Busgehilfen schrien auf dem auffällig ordentlichen Busbahnhof von Estelí mit seinen hübschen farbigen Wartesesseln zwar fleissig „Managua, Managua, Manaaagua!“, aber von León war nicht die Rede. Der Bus sei in der Garage, hiess es, der nächste fahre um 5.45h. So hatten wir auf einmal genug Zeit, schon vor Tagesanbruch ein Gallo Pinto zu frühstücken.  

Wir hatten es genossen, uns ausführlich über unsere Erlebnisse und den Stand unserer Forschung austauschen zu können. Wir erleben hier alle einmalige Dinge, lustige, manchmal traurige, manchmal mühsame, fragen uns, ob wir die richtigen „Daten“ (so ist das akademisch-technische Vokabular nun mal) sammeln, und wie wir unsere nächsten Forschungsschritte planen sollen. Da waren zwei solche Tage, an denen wir immer wieder auf verschiedene Dinge rund um unsere Arbeit zu sprechen kamen, Gold wert.  

Erika’s Wedding 

Die Festivitäten wollen kein Ende nehmen. Als nächstes stand Erikas und Norvins Hochzeit in Nueva Esperanza auf dem Programm. Wer nun allerdings denkt, dass zu einem solches Ereignis in Lateinamerika eine grosse Fete veranstaltet wird, der sieht sich getäuscht. Dies kann sich nur leisten, wer „Reales“, „Plata“, „Pesos“, „Dinero“, Geld hat.  

Ich kenne mehrere Paare in Goyena, die gar nicht verheiratet sind. Wilde Ehen scheinen gesellschaftlich nicht allzu verpönt zu sein, allerdings ist die Position der Frauen und der Kinder in einem Konkubinat schlechter. Die Frauen sagen, die Männer wollten sich nicht zu sehr binden, andere meinen, heiraten und dann wieder scheiden sei zu teuer. Sehr pragmatisch... Heiraten ja oder nein hängt auch damit zusammen, als wie stark evangelisch man sich definiert: je evangelischer, desto unbedingter heiraten. Um dem Glauben ein bisschen auf die Sprünge zu helfen und das Heiraten in der Gegend attraktiver zu gestalten, organisieren und sponsern evangelische Brüder aus den USA Mehrfachheiraten. So war es auch bei Erika und Norvin.  

Die Zeremonie unter fast freiem Himmel und im Licht der untergehenden Sonne war feierlich, aber unaufgeregt. Überhaupt war niemand sonderlich aufgekratzt. Man wusste auch nicht genau, wann der Akt begann. Kurz vor dem angenommenen Zeitpunkt duschte einer um den anderen aus Erikas und Norvins Familien bei seinen Eltern, ich flickte Irenes Rock, auf dem Feuer köchelte ein Topf Reis, im letzten Moment sammelte man noch ein paar Stühle ein, die man zur „Kirche“ trug. – Die Kirche steht in Anführungszeichen, da sie nur aus vier hölzernen Eckpfosten und einem halben Dach besteht und nicht wirklich als Gebäude bezeichnet werden kann.  

Einheimische und nordamerikanische Pastoren wechselten sich in der Gestaltung des Gottesdienstes ab. Die drei Bräute und drei Bräutigame sprachen ihren Treueschwur jeweils im Chor. Ich erinnere mich nicht, dass die Namen der Brautleute genannt wurden, dafür wurden explizit das gute Dutzend der anwesenden Brüder und Schwester aus der US-amerikanischen Gemeinde und die Schweizerin – mit Namen – begrüsst. Um wen ging es hier nun genau? (Pastor Kevin hatte mich wenigstens nicht in eine Russin verwandelt, als die mich die Pastorin in Goyena den Gläubigen vorgestellt hatte. Da hatten ihr wohl alte Freundschaften ihres Vaterlandes etwas suggeriert...)  

Ich fuhr noch am gleichen Tag nach León zurück, da ich am nächsten Morgen mit Sonia Besorgungen machen wollte. Pablo, ein Agronom, der für ein Hilfswerk in Goyena arbeitet und ebenfalls zur Trauung gekommen war, nahm mich auf seinem Motorrad mit. Mit dem einen Arm klammerte ich den Sack mit meinen Sachen an mich, mit dem anderen hielt ich mich am Gepäckträger fest. Nach der halbstündigen Fahrt fielen mir zwar fast meine Arme ab, aber die Aussicht vom Motorrad aus machte dies wett: immer noch üppig-grüne Vegetation, die schwindende Sonne, der Mond über den Vulkanspitzen.  

Lehrerinnen und Synonyme  

Der Plan: Ich erwarte Sonia bei der Busstation am Mercadito in Sutiaba, wir gehen für die Dorfweihnacht Plastikteller kaufen, sie fährt am Mittag zurück nach Goyena, und ich gehe meinen Schreibarbeiten nach.  

Was wirklich geschah: Ich erwartete Sonia bei der Busstation am Mercadito in Sutiaba und verbrachte mit ihr den ganzen Morgen in einer Lehrerfortbildung.  Dies war durchaus eine Erfahrung wert. In einem Klassenzimmer sassen wir auf diesen alten Stühlen mit festgeschraubter Schreibfläche, wo Erwachsene mehr schlecht als Recht ihren Hintern hineinzwängen können, zwischen 55 Frauen und drei Männern. Es herrschte eine anhaltende Grundlautstärke von Wispern, Sprechen und Telefonieren. Die eigene Unterrichtserfahrung hatte die Lehrer offenbar keines besseren belehrt, mich ermüdete der Geräuschepegel enorm.  

Vor dem Mittag schlichen Sonia und ich davon, um uns in den Plastikläden beim Zentralmarkt umzusehen. María Eugenia und Sonia hatten mich gefragt, ob ich für die Dorfweihnacht mithelfen würde, „kooperieren“ wird dies auch genannt, und gemeint ist natürlich, ein bisschen Geld beizusteuern. Ich war über die Anfrage durchaus froh, denn so kann ich der ganzen Gemeinde, in der ich forsche, etwas zurückgeben, das die Leute selber als sinnvoll erachten. Da die Gemeinde ein Essen offeriert, waren wir übereingekommen, dass ich Teller aus stabilem Plastik, welche die Leute mit nach Hause nehmen können, beisteuere. Damit ich nicht nur den schnöden Mammon zückte, sondern wenigstens etwas tat, wollte ich eben mit Sonia die Teller kaufen gehen. Allerdings kam es mir dann doch komisch vor, vor Sonias Augen einen Drittel ihres Monatslohnes mir nichts dir nichts aus dem Portemonnaie zu ziehen.  

Wir liessen die 300 Teller erst mal im Laden zurück, denn Sonia und ich waren fürs gemeinsame Mittagessen der Lehrer in einem Restaurant angemeldet. Mittags in einem sogenannten „Comedor“ zu essen ist relativ günstig und für urbane Nicas nichts Aussergewöhnliches. Es fällt für Normalverdienende nicht viel mehr ins Gewicht, als wenn wir in Europa auswärts essen.  

Beim Essen zeigte ich Sonia meine Schürfungen an den Schienbeinen, die ich mir beim Auto-aus-dem-Hang-Schieben geholt hatte. Eine andere Lehrerin lehrte mich gleich ein halbes Dutzend Wörter für „aufschürfen“ auf (nica-)spanisch und fragte mich, wie wir dem denn in meiner Sprache sagen würden. „Aufschürfen“. – „Und sonst?“ – Ich wusste es nicht. Angesichts des armseligen Wortschatzes in meiner Sprache und meinem limitierten Spanisch, half mir Silvia, ganz Lehrerin, auf die Sprünge. Sie listete alle Wörter für aufschürfen auf einem Stück Papier auf und schrieb dazu: Synonyme. Da sie annehmen musste, dass wir im deutschen Sprachraum für die gleiche Sache nur immer ein Wort kennen, uns Synonyme also gänzlich unbekannt sein mussten, schrieb sie mir auch gleich die Erklärung dazu: Hören sich unterschiedlich an, schreiben sich unterschiedlich, bedeuten das gleiche.  

Purissima  

Die meisten Nicaraguaner sind Freunde des ohrenbetäubenden Geknalles. Schon im November werden für die katholischen Feiertage im Dezember die Feuerwerkskörper ausgiebig getestet, die Fabrikation läuft auf Hochtouren. Jedes Jahr kommt es dabei zu tragischen Unfällen. Kürzlich sprengte es in der Nähe von Managua eine kleine Feuerwerks-Fabrik in die Luft, wobei etwa 14 Angestellte umkamen.  

Der Höhepunkt für jeden Liebhaber des lauten Knalls ist definitiv die Purissima, die unbefleckte Empfängnis der Maria, die am 8. Dezember gefeiert und schon am Vortag kräftig eingeläutet wird, ganz besonders in León. Am 7. Dezember findet auch die Gritería, das „Geschrei“, statt. Ich hatte schon so viel davon gehört, dass ich annahm, es gehe den ganzen Tag wild zu und her. Die Stadt döste jedoch wie ein mattes Tier in träger Erwartungshaltung vor sich her. Um 18h wurde die Ruhe schlagartig durchbrochen. Die Kirchgänger strömten aus der Kathedrale auf den Parque Central hinaus, wo aus der Menschenmenge kleine Böllerschüsse in den Nachthimmel aufstiegen. Vor den Stufen der Kathedrale tanzte ein Mann, der einen Stier darstellen soll, mit einem Holzgestell, aus dem kleine Feuerwerke erruptierten, wild herum. In den Strassen feuerten kleine und grosse Buben ihre „Frauenfürze“ ab, und in den Quartieren rundherum wurden Feuerwerke gezündet. Doch auch diese waren vor allem eins: laut. Auf schöne Lichterformationen wird wenig Wert gelegt, bestenfalls raucht es gewaltig. Diese Knallintervalle wurden um Mitternacht, am nächsten Tag um 6h morgens, 12h mittags und 18h abends wiederholt.  

Wenig später begann die Gritería, ethnologisch gesehen ein wahres Umverteilungsfest. Die – relative reichen – Bewohner Leóns kaufen im Vorfeld des 7. Dezembers Berge von mehr oder weniger nützlichen Dingen ein; Plastikspielzeuge, Plastikschmuck, Haarspangen, Kämme, Talismane, Süssigkeiten, Zahnbürsten und vieles mehr, das sie der Meute, die durch die Strassen zieht, aushändigen. Viele – relativ arme – Leute aus den „Comarcas“, den umliegenden Gemeinden, fahren mit Taschen bewaffnet nach León, um in den zwei Stunden, die der ganze Spuk dauert, möglichst viel einzuheimsen. Die Leoneser öffnen ihren Eingangsbereich dem Publikum, oder reichen ihre Gaben durch die Gittertür eines Nebenraums, der auf die Strasse geht. Die, die beschenkt werden wollen, rufen in eingeübtem Singsang: „¿Quién causa tanta alegría?“ (Wer verursacht so viel Freude?). Die Schenkenden erwidern: „¡La Concepción de María!“ (Maria Empfängnis – Concepción ist aber auch ein Name (für Frauen und Männer), daher stimmt „wer“ grammatikalisch). Gut sichtbar ist in jedem Haus – und sogar im Supermarkt – ein Marienaltar aufgebaut, zum Teil mit viel Sorgfalt und Liebe fürs Detail, Christbaumbeleuchtung blinkt, und überhaupt ist alles sehr festlich und gleichzeitig sehr hektisch.  

Als Aussenstehende schaut man im „Gabenraum“ der Casona staunend zu, wie sich Hände durch die Gitterstäbe recken, geht auf die Strasse, wo Buben und Mädchen in ihren neuen Teletubby-Masken herumrennnen und Mütter mit gehetztem Blick ihre Kinder hinter sich her ziehen, um schnell, schnell den nächsten Gabenort anzusteuern. Die Hausherren und –damen winken die Fremden heran, und zögerlich sagt man ebenfalls das Sprüchlein, erhält eine Haarspange in Schmetterlingsform oder einen Marien-Schlüsselanhänger. Am nächsten Ort wird extra Chicha geholt, ein schrecklich pinkfarbenes Maisgetränk, in eine Plastiktüte abgefüllt. Das trinkt man dann, indem man in die eine Ecke ein Loch beisst. Die Farbe, beteuert Ileana später, sei natürlich, kaum zu glauben, sie stamme von einer Frucht namens Frambuesa, nein, nicht von der Himbeere, wie man vom Namen her annehmen könne, es handle sich um eine Baumfrucht. Fotomachen ist erlaubt, die Leonesen sind stolz auf ihre Marien-Altare und auf der Strasse drängen sich Kinder vor die Kamera.   

                                                       **** 

Das wär’s für heuer wahrscheinlich gewesen. Bei mir ist schon fast Feldforschungshalbzeit. Ein guter Grund, mal eine Pause einzulegen, und so geht’s die nächsten paar Wochen mit meinem „Novio“ auf eine Reise durch dies schöne Land.  

Ich wünsche euch allen wunderschöne Festtage und einen guten Rutsch und freue mich, euch 2007 wieder zu sehen!   

                                                       ****

Auch in Nicaragua wird versucht, Weihnachtsstimmung zu verströmen.

Dieses schöne Exemplar ist im Supermarkt "La Union" zu finden. León ist rund um den "Parque Central" seit etwa drei Wochen weihnächtlich-bunt geschmückt - wahrscheinlich hat vor Jahren mal eine Partnerstadt aus dem reichen Norden der kleinen Stadt im 3.-Welt-Land ihre alte Weihnachtsbeleuch-tung überlassen. Wenn man beim Vorbeigehen durch die oftmals offenen Türen in die Häuser schaut, kann man einen Blick auf Christbäume und blinkende Beleuchtungen erha-schen, und in der Casona laufen ab und zu Weihnachtslieder. Auf der Nordseite der Kathedrale drängen sich die Verkäufer mit ihrem billigen Spielzeug, das sie auf dem Boden ausge-breitet haben. In einer Strasse beim Markt wetteifern die Läden mit ihren Dekorations-Weihnachtsmännern, künstlichen Christbäumen und bunten Lichterketten im Angebot. 

Trotzdem will bei 35 Grad Celsius nicht so recht Weihnachtsstimmung aufkommen. Komisch...



PS: Die bisherigen Berichte sind im "Archivo Textos" abgelegt.




 
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