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Für angehende EthnologInnen ist die Feldforschung die Kür ihrer Disziplin, eine Schule fürs Leben, sagt man, und eine Gelegenheit, die Lust nach Fernem und Fremdem zu stillen.


Meine Feldforschung führt mich aus verschiedenen Gründen nach Nicaragua: Weil ich schon in Lateinamerika, aber noch nie in Nicaragua war, mehr oder weniger gut Spanisch spreche - die Sprache und die Kultur also kein grösseres Problem darstellen, ich jedoch bei dieser Gelegenheit noch viel dazu lernen kann -, und am ethnologischen Seminar der Uni Zürich eine Projektgruppe zum Thema Wiederaufbau nach Katastrophen (eigentlich: Ethnologie der Katastrophe) ins Leben gerufen wurde. Die Studierenden widmen sich in ihrer Forschung für die Lizentiatsarbeit vor Ort Beispielen aus Indien oder Nicaragua. Mich interessiert die Thematik des Wiederaufbaus, der Bezug zur Praxis. Vielleicht spielt auch noch ein wenig der Reiz einer revolutionären Vergangenheit mit, der Glanz einer fast realisierten Utopie. Auch wenn heute der Alltag der breiten Bevölkerung alles andere als utopisch aussieht - Nicaragua figuriert auf der traurigen Liste der ärmsten Länder der Region gleich hinter Haiti -, sind es die Revolution von 1979 und der Bürgerkrieg der 1980er-Jahre gegen die Contras, welche viele „Westler“ mit Nicaragua assoziieren. Nicht ganz unschuldig daran sind wohl auch bekannte einheimische AutorInnen wie Sergio Ramírez (¡Adios Muchachos!; Margarita, das Meer ist schön (Somoza-Regime)) oder Gioconda Belli (Bewohnte Frau; Die Verteidigung des Glücks), welche die Revolution - durchaus lesenswert! - literarisch verarbeitet haben.  

Ich setze mich in den Monaten meiner Feldforschung von Oktober 2006 bis März 2007 mit den Folgen von Hurrikan Mitch, der Ende Oktober 1998 an vielen Orten zwischen Guatemala und Nicaragua grossen Schaden anrichtete, auseinander. Es war nicht so sehr der Wind, welcher Häuser, Infrastruktur und Ernten zerstörte, sondern vielmehr die tagelangen heftigen Regengüsse, die Bächlein zu reissenden Flüssen anschwellen liessen oder verheerende Erdrutsche auslösten. In meiner Forschung, in der ich intensive Gespräche und Interviews vor allem mit den Betroffenen von damals führe, untersuche ich die langzeitliche Wirkung der Intervention von aussen, der Art des Hauswiederaufbaus, der neuen Siedlungsstruktur und einer allfälligen Umsiedlung auf die sozialen Veränderungen, die heutige wirtschaftliche Situation der Betroffenen sowie die Sicherheit bei allfälligen neuen Katastrophen gegenüber der Situation vor Mitch. Je nach Relevanz meiner Fragestellung für die reale Situation kann sich diese aber auch weiter entwicklen, verändern, greife ich neue Aspekte auf.  

Mein Hauptforschungsort Goyena (Nueva Vida) mit rund 60 Häuschen liegt etwa 15 km von der Stadt León entfernt, relativ nahe der Pazifikküste. Um verschiedene Eindrücke zu erhalten, besuche ich weitere Gemeinden oder Siedlungen, die nach Mitch wiederaufgebaut wurden. 

Auf dieser Internetseite will ich festhalten, was ich sehe, höre und erlebe, meinen Blick schärfen, indem ich das Gesehene und Gehörte nochmals Revue passieren lasse, und euch gleichzeitig die Gelegenheit geben, an meiner Forschung und den Erlebnissen darum herum teilzuhaben, ohne euch mit E-Mails zu bombardieren. Nach Kommentaren halte ich im "Libro de visitas" oder auf esthersuter@hotmail.com Ausschau.


 
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